Sprachinselforschung – Hilfsmittel für oder gleichberechtigte Disziplin neben der Sprachkontaktforschung?

02Jul08

In seinem Aufsatz über die Theorie der Sprachinsel vertritt Klaus J. Mattheier den Standpunkt, dass die Sprachinselforschung in ihrer Komplexität sich durchaus von anderen sozio-linguistischen Problemen unterscheidet. Doch ist diese wirklich in der Lage, einen eigenen, gleichberechtigten Platz neben anderen Disziplinen wie etwa der Sprachkontaktforschung einzunehmen und zu beanspruchen? Im Folgenden wird versucht, diese Frage zu beantworten.

Zunächst muss einmal festgestellt werden, dass sich die Forschung zu Sprachinseln nach Mattheier zu großen Teilen mit Methoden aus der Kontaktlinguistik bedient und somit mit dieser in enger Beziehung steht. Dies zeigt sich zum Beispiel bei Situationsanalysen, für die das klassische Diglossiekonzept häufig eingesetzt wird. Und auch von Milroys Konzept der sozialen Netzwerke wird für eigene Forschungszwecke Gebrauch gemacht. Das gegenseitige Profitieren bzw. diese Symbiose zwischen den beiden Forschungsrichtungen ist in meinen Augen kein Zeichen von Gleichberechtigung, denn in der Hierarchie ist die Kontaktlinguistik immer noch höher anzusiedeln als die Sprachinselforschung.

Darüber hinaus macht Mattheier selbst mehrmals auf die erheblichen Defizite in Bezug auf die eigenen Theorien und Methoden der Sprachinselforschung aufmerksam. So mangelt es beispielsweise an linguistischen Modellen zur Beschreibung der sprachlichen Komplexität in Sprachinselgemeinschaften oder einer „angemessenen Erfassung und Beschreibung der verschiedenen Sprachkontaktphänomene, die charakteristisch sind für alle Sprachinseln“ (Mattheier 1994:342). Im direkten Vergleich mit anderen soziolinguistischen Disziplinen, die in ihrer Entwicklung sowohl ausgereiftere Theorien als auch Methoden zur Erforschung vorweisen können, kann die Forschung zu Sprachinseln deshalb meiner Meinung nach keinen gleichberechtigten Platz für sich behaupten.

Ein weiterer Aspekt, der die Theorie unterstützt, dass Forschungen in diesem Bereich der Kontaktlinguistik untergeordnet werden sollten, ist die Meinung, dass die Sprachinselforschung ein besonderes, ganz spezielles Gebiet der Kontaktlinguistik darstellt. Denn im Wesentlichen geht es um (Sprach-)Kontakte jeglicher Art: Binnenkontakte, Außenkontakte, Kontakte zwischen autochthonen Varietäten etc. In Bezug auf die oft erwähnte verhinderte oder verzögerte sprachkulturelle Assimilation einer Sprachgemeinschaft ist zu sagen, dass dies eine Vorstufe zum Sprachkontakt nach der Definition von Weinreich repräsentieren kann (eben wegen der verzögerten Assimilation): Zwei oder mehr Sprachen stehen in Kontakt miteinan-der, wenn sie von einem Individuum abwechselnd gebraucht werden (Weinreich 1953). Und als diese Vorstufe wäre die Sprachinselforschung wiederum der Kontaktforschung unterzuordnen. Man darf nicht vergessen, dass auch das Nichtvorhandensein eines Kontakts oder die Anti-Assimilation mit einer anderssprachigen Mehrheit – sei es aufgrund von Sprachloyalität, religiösen oder wirtschaftlichen Motiven – eine Form des Kontakts darstellt und etwas über die Beeinflussung zweier oder mehrerer Sprachen aufeinander aussagt.

Meines Erachtens ist es nicht einfach, genau sagen zu können, ob die Sprachinselforschung der Kontaktlinguistik untergeordnet werden oder als gleichwertige Disziplin gelten soll, denn Mattheier macht durchaus deutlich, dass sich Sprachinseln als allgemeines soziolinguistisches Phänomen von anderen Phänomenen und deren Probleme unterscheidet. Aber ausgehend von seinen weiteren Aussagen und der Tatsache, dass „erst in jüngster Zeit […] die aufblühende Entwicklung der Sprachsoziologie auch die Sprachinselforschung“ (Mattheier 1994:337) vorantrieb, diese also noch nicht so weit entwickelt ist, wie es andere soziolinguistische Disziplinen sein mögen, kann ich der Forschung zu Sprachinseln keinen eigenen gleichberechtigten Platz zugestehen.

Referenzen:
Mattheier, Klaus J. (1994). “Theorie der Sprachinsel – Voraussetzungen und Strukturierungen“, in: Berend, Nina und Mattheier, Klaus (Hgg.): Sprachinselforschung. Frankfurt a. M.: Peter Lang, S. 342.



2 Antworten auf „Sprachinselforschung – Hilfsmittel für oder gleichberechtigte Disziplin neben der Sprachkontaktforschung?“

  1. 1 kaltric

    Hm. Für mich verschwimmen die meisten Disziplinen eh, also…warum noch groß differenzieren…

  2. 2 huleeta

    Liebe kaltric,
    das sehe ich genauso. Aber wenn’s der Dozent doch verlangt… ;)
    Grüße!


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