Wir befinden uns in einem wohlgefüllten Saal im Session Kulturwerk Walldorf. Es ist Mittwochabend. Gerade angekommen suchen wir nach einem geeigneten Plätzchen, um den vor uns liegenden Konzertabend mit der Lieblingscoverband unserer Wahl gebührend zu genießen. Unser Stammplatz (links vorne an der Bühne) ist an diesem Abend leider schwer zugänglich, zum einen, weil die ungewöhnlich vielen Biertische und -bänke in ihrer Sperrigkeit sehr viel Raum einnehmen, zum anderen, weil sich anscheinend ein paar Hauptstädtler unseren Platz zu Eigen gemacht haben. Hrmpf. Ich bin ein Gewohnheitstier, zu schnelle Veränderung in zu großem Ausmaß löst bei mir nichts als Unbehagen aus. Aber naja, wer zuerst kommt, ist eben auch zuerst da und genießt das Privileg der freien Platzwahl.

Wir bahnen uns den Weg durch die Menschenmenge, ein Querschnitt durch unsere bunte Gesellschaft. Ein Quintett pubertierender Teenies nippt an ihren Colas, ständig bedacht darauf, cool auszusehen und wenn möglich noch einen Blick auf den gutaussehenden Sänger werfen zu können, der an diesem Abend mal wieder dabei ist. Der unscheinbare Computerfachmann, bebrillt, mit bravem Harrschnitt und dem Hemd ordentlich in der Hose, hält mit seiner Freundin Händchen. Die vier Mittzwanziger an der Bar sind unwiderrufbar auf Beuteschau, in der Hoffnung, heute Abend nicht alleine nach Hause gehen zu müssen oder wenigstens eine Telefonnummer abzugreifen. Die modebewusste Auszubildende, die fast jeden ihrer Mittwochabende hier verbringt, hat heute ihre Eltern im Schlepptau. Und auch der ältere Herr in der hellbraunen Jacke, der immer mit dem Taxi kommt und jeden Song eurythmisch-grazil für das restliche Publikum darstellt, hat schon seinen Platz gefunden. Es ist Mittwoch, Mitte der Woche, der nächste Tag ist Donnerstag, ein Arbeits- und Schultag, und trotzdem können sich weder die Band noch der Gastronom über mangelnde Besucherzahlen beschweren.

L. und ich sind immer noch auf der Suche nach einem geeigneten Platz. Nach kurzem Slalomlauf und Hin- und Hergeirre (schließlich muss man sich erstmal einen Gesamtüberblick verschaffen) stellen wir uns einfach irgendwo in die Mitte. Gute Sicht auf die Bühne ist gewährleistet, von ebendieser trennt uns nur eine zum Tisch umfunktionierte Blechtonne, die dazugehörigen Barhocker und die Menschen, die sich um die Tonne platziert haben. D. ist auch da, eigentlich wie immer, begrüßt uns mit einem warmen Lächeln, einer Umarmung und macht auch schon ein Foto von uns. Ich seufze, denn ich weiß, dass auf dieses Foto im Laufe des Abends noch viele weitere folgen werden; Fotos, auf denen sich der Verschwitzheitsgrad augenscheinlich bei jedem weiteren Klick potentiell erhöhen wird. Vor kurzem habe ich einen Bericht gesehen über eine Disko in Holland, die den jeweils benötigten Strom über Sensoren in Boden und Wänden bezieht, die wiederum Tanzbewegungen und abgegebene Körperwärme der Tanzenden in Elektrizität umwandeln. Wäre auch eine Überlegung wert für Walldorf. Aber zurück zu den Fotos: Wenn D. in den nächsten Tagen die Bilder ins Internet gestellt haben wird, werden Millionen von Menschen sehen können, wie wir geschwitzt haben, wie unsere Wimperntusche langsam verschmiert und wie wir uns, geblendet vom ständig aufblitzenden, grellen Auslöserlicht, nach hunderten von Fotos nur noch sehr mühevoll ein Lächeln abzwingen können. Klasse. Prinzipiell habe ich nichts gegen Fotos. Ich habe auch nichts gegen das Schwitzen am Mittwoch, denn nach langjähriger Erfahrung weiß ich schließlich, was mich erwartet und dass das dazugehört. Aber bitte keine verschwitzten Fotos von mir. Das muss nicht sein.

Nach kurzer Zigarettenpause während des ersten Sets bemerken wir, dass jetzt auch noch unser Platz in der Mitte weg ist. Naja, da vorne in der ersten Reihe steht ja zum Glück D., macht Bilder von musizierender Band und schwitzendem Publikum, wir wollen uns mal zu ihm gesellen. So ganz wohl fühlen wir uns dort aber nicht; man fühlt sich beobachtet. Von Musikern und Publikum gleichermaßen, letzteres straft uns teilweise mit abmahnenden Blicken ob unserer Dreistigkeit, uns vor andere Leute zu stellen (die ALLE größer sind als wir und daher ohne Mühe immer noch eine süperbe Sicht auf die Bühne haben) und uns einfach so zwischen Musiker und gemeines Volk zu drängeln (das einen Sicherheitbereich von 2 Metern zwischen sich und Bühne wahrt. Da passen wir locker rein!). Wir haben Spaß, singen lauthals mit, tanzen. In regelmäßigen Abständen streckt D. L. seinen Allerwertesten entgegen, zwei Backen, die fröhlich im Takt wippen. L. bekommt langsam Panik und weiß nicht wirklich, wie sie sich gegenüber der von D. dargebrachten Geste verhalten soll. Ich muss zugeben, die Zuckungen in L.s Gesicht beim Anblick des ihr immer näher kommenden Gesäßes amüsieren mich. Ich bin froh, dass es nicht ich bin, die sich jetzt damit auseinandersetzen muss. Trotzdem habe ich Mitgefühl. L. sucht Zuflucht und stellt sich sicherheitshalber schräg hinter mich.

Im Nachhinein wird mir klar, dass spätestens hier die Alarmglocken hätten leuchten müssen. Ein wackelndes Hinterteil? L., die notfallhalber nicht mehr griffbereit neben mir steht, sondern außer Reichweite hinter mir? Behütete Berliner, die uns unseren Stammplatz streitig machen? Ich in der ersten Reihe, sowohl den schwitzenden Massen des tanzenden Publikums als auch dem irrwitzigen Spontanaktionsdrang des jeweilligen Sängers ausgeliefert? ALARM! ALARM! Selbst als der beeindruckend rappende Neuzugang, dessen Namen mir leider entfallen ist, “Gettin’ jiggy with it”-singend verkündet, dass er ein paar “sexy ladies” auf der Bühne braucht, habe ich mir nichts Böses gedacht. Schließlich sind auch heute wieder genügend sehr aufreizend gekleidete und mittlerweile etwas angeschickerte Ischen (wie ich sie liebevoll nenne) im Raum, die bestimmt ohne zu zögern mit auf die Bühne torkeln würden. Aber halt! Was passiert jetzt?! Der Mann am Mikrofon schaut in unsere Richtung. Er kommt auf uns zu. Links hinter mir steht L., die sich in weiser Voraussicht hinter meinem Rücken immer kleiner macht. Rechts neben mir stehen R. und S., zwei alte Session-Bekannte. Der Mann am Mikrofon kommt immer näher, mittlerweile steht er vor R., nimmt ihre Hand und will sie mit auf die Bühne nehmen. Ich sehe den Terror in ihrem Gesicht. Angst flackert in ihren Augen auf. Sicherheitshalber gehe ich einen halben Schritt zur Seite, mehr geht leider nicht. Jetzt bloß keinen Augenkontakt, lieber etwas ins Halbdunkel verschwinden. Ich schaue auf den Boden, als ich merke, wie mich jemand an der Hand packt. Richtig geraten, der rappende Mikrofonmann. R. und S. stehen mittlerweile auf der Bühne, etwas bleich im Gesicht. “Also gut”, denke ich mir, “mach ich den Spaß halt mit.” Einen Augenblick später stehe ich neben S., schaue ins Publikum, hoffe, dass L. bald neben mir steht, den “Spaß” auch mitmacht. Ich versuche zu lächeln, die Leute nicht mit einer Grimasse zu erschrecken. Schließlich will ich keine Spielverderberin sein. Und, hey, ich stand schon auf dieser Bühne! Mit der gleichen Band, den gleichen Leuten! Nur war ich damals diejenige, die die Macht hatte, ich war die Frau am Mikrofon! Aber hey, so schlimm wird’s ja wohl nicht werden.

Falsch gedacht.

Nachdem der Mikrofonmann noch zwei weitere weibliche Wesen auf die Bühne gezerrt hat, sollen wir uns umdrehen, mit dem Rücken zum Publikum. Mir schwant nichts Gutes. Aufgrund mangelnden Erinnerungsvermögens (schlechte Erfahrungen verdrängt man ja immer mal gerne) werde ich hier die geschehenen Vorfälle sehr kurz beschreiben: Wir haben uns wie befohlen umgedreht, mittlerweile bin ich dazu kommandiert worden, meinen rechten Arm um die Schultern des Mikrofonmanns zu legen, mein linker Arm weilt auf S.s Schultern. Der Mikrofonmann beugt sich leicht vor, wir natürlich auch, Kettenreaktion sozusagen. Wir strecken unsere Ärsche dem Publikum entgegen. Der Mikrofonmann spricht in sein Mikro: “Shake ya ass, watch yourself, shake ya ass, show me watcha workin’ with…” Wir gehorchen (fast) bedingungslos. Was will man in der Situation auch anderes machen. Zum Glück dauert die Prozedur nicht lange. L., die in die hinterste Ecke des Saals geflüchtet ist, nimmt mich vor der Bühne wieder in Empfang. Etwas mitleidig schaut sie mich an.

Wir hatten uns vorher noch über das Fremdschämsyndrom unterhalten.